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Als die Erde bebte… | Gastbeitrag von Aras und Christiane

Ein Erlebnis, was man nicht miterleben möchte. Erdbeben. Kein Alltag, wie es in Japan der Fall sein dürfte. Schlimmer. Extremer.

Wie Aras und Christiane das Beben im April 2015, in Nepal wahrnahmen, beschreiben sie uns im nachfolgenden Beitrag.

Aras und Christiane sind beide aus dem Berufsleben ausgeschieden und sind in der glücklichen Lage, jetzt noch mehr von dem zu tun, worauf sie immer schon Lust hatten, nämlich in der Welt unterwegs zu sein.

IMG_0496.JPGSeit sie zusammen sind, haben sie schon viel miteinander unternommen,
vor allem Reisen, die sie immer wieder nach Indien und Nepal und andere Länder Südostasiens geführt haben. Sie leben, wenn sie in Deutschland sind, im Norden, genauer gesagt in der Nordheide, vor den Toren Hamburgs.
Auf ihrem Blog
W.E.G. (Worldwide Elderly Getaways) dokumentieren sie alles, was sie beim Bereisen von Nah und Fern erleben.

Auch Tipps um Kosten, Planung und Sicherheit auf Reisen, nicht nurr Leute ihres Alters finden sich hier. Sie sagen: “Was wir können, kann jeder, traut Euch!”

Als die Erde bebte…

Das Jahr 2015 hatte für uns mit einem traumatischen Erlebnis begonnen. Wie in den Jahren zuvor, hatten wir für uns wieder eine Trekking-Tour in Nepal organisiert. Am vorletzten Tag unserer Wanderung traf uns am 25.April 2015 in Chisapani das starke Erdbeben, das Nepal erschütterte. Weit über 8.000 Tote hatte das Land zu beklagen. Das Leid der vom Erdbeben betroffenen Menschen ist unermesslich. Unzählige Häuser sind eingestürzt, Hunderttausende wurden obdachlos, zahlreiche historische Bauten und Tempelanlagen sind komplett zerstört worden. Glück im schweren Unglück, wir kamen unversehrt heraus. Die materiellen Verluste haben wir inzwischen vergessen. Nicht ganz abschütteln konnten wir das Trauma. Wir bemerken immer noch, wenn irgendwo die Umgebung zittert, etwa auf leichten Brücken, wie der Körper instinktiv auf Flucht schalten will.

Wir waren auf dem Gosaikund Trek schneller unterwegs als geplant, schon deswegen, weil wir Etappen zusammengefügt hatten, die eigentlich durch Übernachtungen unterbrochen werden. Deswegen waren wir bereits einen Tag vor Tourende nur noch ca. 7 bis 8 Stunden von Kathmandu entfernt. Das zu bewältigen wäre in einem Aufwasch möglich gewesen. Da wir unserem Guide nicht den letzten Tag kürzen wollten, beschlossen wir, nur bis Chisapani zu wandern, um dort noch einen Tag Erholung einzulegen. An diesem Tag, dem 25.04.2015, erreichten wir nach guten 3 Stunden den Zielort; alles schien richtig gut zu laufen. Den morgendlichen Regen hatten wir hinter uns gelassen, vor uns strahlte unter der Sonne die herrliche Kulisse des malerischen Chisapani. Wir quartierten uns in einem der schönen Guesthouses direkt am Rande eines Hügels ein, unter dem sich ein prächtig anzusehendes Tal ausbreitete und genossen zunächst die Dusche mit fliessend Warmwasser, unserer ersten seit fast einer Woche. Dann, so plötzlich wie sie gekommen war, verzog sich die Sonne und wir, weil es fröstelig wurde, in unsere Daunenschlafsäcke.

Es ging auf 12 Uhr Mittag zu, als wir fühlten, dass unser Bett rüttelte. Das Bett, das Zimmer, das ganze Haus, alles ruckelte und schwankte wild, Fenster sprangen auf, draußen flog Staub und irgendwoher, tief aus der Erde, kam ein dumpfes Grollen. Erdbeben! Alles schien über uns zusammenstürzen zu wollen.

Dann ging alles sehr schnell: Raus aus dem Schlafsack, Griff zum Beutel mit den Wertsachen, Hose, Schuhe und raus. Nur weg aus diesem Haus, über zwei Stockwerke nach unten rennend, durch das Untergeschoss, wo umgestürzte Schränke, ein Kühlschrank, zerborstene Flaschen lagen und hinaus. Das Beben hatte gerade mal 1,5 2 Minuten gedauert und vor unseren Augen war eine Trümmerwüste. Häuser, ganz oder zum Teil eingestürzt, dazwischen Menschen, weinend, schreiend, verstört sich festhaltend. Von irgendwoher floss auslaufendes Benzin über den Weg, kleine Steinchen, Staub wirbelte. Das Guesthouse, in dem wir vor kurzem noch waren, hing schief auf eingeknickten Pfeilern und uns wurde klar, das ganze Gebäude hätte auch zum Abhang hin zusammenfallen können, ohne die geringste Chance für uns, daraus heil zu entkommen.

Unseren Guide entdeckten wir kurz danach. Wie wir versuchte er, über Handy Kontakt zu seiner Familie zu bekommen, unmöglich. Wir hatten gerade noch ein kurzes Telefonat mit Deutschland führen können, dann brach auch unsere Verbindung ab. Da wir keinen Schimmer vom Ausmaß der Katastrophe hatten, beschlossen wir, mit unserem Guide sofort nach Kathmandu zu marschieren. Obwohl unsere Region nicht im Epizentrum des Bebens lag, das mit einer Stärke von 7,8 zu den stärksten in der Geschichte des Landes zählte, gehörte das ganze Gebiet nördlich von Kathmandu allerdings mit zu den am stärksten betroffenen.

4 Stunden dauerte der Marsch nach Kathmandu, durch halb verschüttete Wege, zerstörte Dörfer, vorbei an schweigenden Menschen, vor den Resten ihrer einstmaligen Häuser sitzend, oder in den Trümmern nach Überlebenden wühlend. Ein elender Anblick. Die Müdigkeit nicht spürend, erreichten wir Sundarijal, einen Vorort von Kathmandu, von wo aus wir das Glück hatten, im Durcheinander ein Taxi zu ergattern, das uns nach Thamel brachte. Wir machten uns auf zum Hotel, unser Guide zu seiner Familie. Wir hörten bald, dass sie unversehrt geblieben war.

Im Hotel, das nicht beschädigt war, hatten wir noch einen anderen Rucksack deponiert, mit Klamotten und Dingen, die man beim Trekking nicht braucht. Wenigstens das war uns geblieben. Die erste Nacht in Kathmandu verbrachten wir im Freien, auf einem kleinen Platz hinter dem Hotel. Verpflegung und Wasser waren schon jetzt nur noch schwer zu bekommen, da alle Geschäfte geschlossen hatten und die Vorräte im Hotel kaum ausreichten.

Unser ganz besonderer Dank gilt dem Management und den Angestellten des Hyatt Regency Hotels in Kathmandu für die selbstlose Hilfe in den Tagen nach dem Beben. Wir waren dort, wie andere Traveller, unentgeltlich untergekommen, weil wir uns in Thamel während der vielen Nachbeben nicht sicher fühlten. Am 3. Tag nach dem Beben konnten wir, nach 10 Stunden nächtlicher Wartezeit auf dem Flughafen von Kathmandu, ausfliegen. Unser Flug gehörte zu den ersten, die starten durften, nachdem die Sperrung für den Passagierbetrieb kurz aufgehoben wurde. Das Gefühl beim Abflug war überwältigend, die Spannung fiel ab, alle Passagiere klatschten euphorisiert beim Abheben; irgendwie wirkte alles wie die Schlussszene aus einem Katastrophenfilm, den man lieber im Kino als live erlebt.

Nachwort:

Nach Ankunft in Deutschland versuchten wir, mehr über das Schicksal von Leuten herauszufinden, die wir auf unserer Trekking-Tour getroffen hatten. Wir erinnerten uns an eine Gruppe von 3 Israelis, mit denen wir uns angefreundet hatten. Auf Facebook entdeckten wir schließlich ein Bild, das einen Rettungshubschrauber zeigt und mittendrin einen unserer Freunde. Nach weiteren Recherchen bekamen wir Kontakt zu ihm und erfuhren, dass alle drei gerettet worden waren. Man kann sich vorstellen, wie erleichtert wir waren.

Und wie steht es heute, nach dem Erdbeben um den Gosainkund? Das Gebiet wurde weitläufig durch das Erdbeben zerstört. Vom schönen Dorf Thulo Syabru wissen wir, dass von ursprünglich 150 Häusern nur 3 Häuser stehen geblieben sind; das Kloster und die Schule wurden komplett zerstört. Auch Brabal, Laurebina Yak, Ghopte, Kutumsang, Chipling, Pati Bhanjyang, Chisapani etc. wurden, ähnlich wie Thulo Syabru und unzählig andere Dörfer, größtenteils dem Erdboden gleich gemacht. Inzwischen soll der Gosainkund Trek wieder für Touristen freigegeben und viele Lodges wieder geöffnet sein. Trotzdem wird es noch einige Zeit dauern, bis sich Natur und Menschen erholt haben. Dass es gelingt, ist keine Frage. Die Nepalis haben die Kraft und den Willen, leider auch die Erfahrung, mit solchen Katastrophen umzugehen. Was offen ist, wie viel Zeit sie dafür benötigen, und ob es gelingt, die Hilfen von außen den Betroffenen direkt zufließen zu lassen, ohne Schwund durch Korruption.

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