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Naturgewalten: Ein Sandsturm in der Wüste Gobi – Gastartikel von Jana W.

Heute möchte ich euch einen Gastartikel von der Bloggerin Jana vorstellen, die fleißig auf ihrem Blog zufussunterwegs.com darüber schreibt, wie schön die Welt sein kann, wenn man sich nur genügend Zeit lässt und diese zu Fuß erkundet.

Abmarschbereit: Guide Evgenij, Jana, Birgit, Jez fehlt auf dem Bild

 

Jana Wessendorf ist Naturliebhaber, Wandermensch, Blogger und ein kleiner Schokoladenfreak. Nach einigen Jahren Dauerlauf im Karriere-Hamsterrad ist sie nun zu Fuss unterwegs. Sie setzt sie sich erfolgreich für die Wiederentdeckung der Langsamkeit ein: im Alltag, in der Natur, beim Wandern und auf Reisen.

 

 

Ein Sandsturm in der Wüste Gobi: Mittendrin statt nur dabei!

Sand.

Nichts als Sand.

Sand, so viel, dass er wie eine rote Wand wirkte, die sich wie aus dem Nichts aufbaute.

Wo eben noch die unendliche Weite klar vor uns lag, sahen wir jetzt kaum noch die eigene Hand vor Augen. Dazu wütete ein gefühlt orkanartiger Wind, der unseren kleinen altersschwachen Van kräftig durchschüttelte.

An eine Weiterfahrt war nicht zu denken.

Ans Aussteigen auch nicht. Die Fenster blieben geschlossen. Kein Ritz durfte offenbleiben.

Warten.

Staunen.

Kopf schütteln.

Nur wenige Worte fielen. Wenn überhaupt.

Die Naturgewalt war schlicht zu eindrücklich, mächtig und nicht zu bändigen.

In der Wüste Gobi

Wenige Stunden zuvor hatten wir unseren Lagerplatz in den windigen Hügeln des Massivs Baga Gazryn Chuluu verlassen. Das Ziel des Tages war die alte buddhistische Klosteranlage von Bari Yonzon Khamba, einige hundert Kilometer südwestlich der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator.

In der Wüste Gobi gelegen.

Mittendrin.

Immer tiefer fuhren wir hinein in die Wüste. Die Gobi, die sechstgrösste Wüste auf unserem Planeten Erde. Keine reine Sandwüste, sondern auch eine Fels- und Geröllwüste. Die Chinesen bezeichnen sie als hanhai, als “endloses Meer”.

Treffender kann man das nicht formulieren. E N D L O S E Weite. Wohin das Auge blickt: nichts.

Eine bemerkenswerte Landschaft. Nicht greifbar. Von unseren Sinnen nur schwer zu fassen.

Zeit, Raum und Entfernung erhielten eine neue Dimension. Weite auch. Stille sowieso. Kennst Du dieses Gefühl, absolut nichts zu hören? Wir sind daran in unserem Alltag nicht mehr gewöhnt, weil wir ständig von Geräuschen, Stimmen oder Musik umgeben sind. Wenn dann aber überhaupt nichts mehr zu hören ist, ist das ungewohnt. Und anstrengend. Weil die Ohren krampfhaft versuchen, etwas hören zu wollen, was nicht da ist.

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Alle zwei Stunden taucht plötzlich mal eine Jurte oder eine felsige Erhebung auf. Dann wieder: nichts.

Gerade noch versicherte sich unsere Gastgeberin und Reiseführerin Bogi bei einer Nomadenfamilie, an deren Jurte wir vorbeifuhren, nach dem richtigen Weg. Asphaltierte Strassen, wie wir sie kennen, gibt es inmitten der Gobi nicht. Als Anhaltspunkte gelten, wenn überhaupt, alte Fahrspuren oder eine genaue Geländekenntnis.

Als der Sand kam – zogen sich sogar die Hunde zurück

Kurze Zeit später führen wir weiter. Es wurde windiger. Erst ein bisschen, dann sehr viel mehr.
Wir erreichten eine dieser winzigen Ortschaften in der Gobi. Ein paar Jurten, ein paar einfache Häuser, viel Vieh, Hunde, eine Stupa – und eine Wasserstelle.

An diesem Brunnen wollten wir unsere Wasservorräte auffüllen.

Plötzlich wurde die Sicht schlechter. Erst ein bisschen, dann sehr viel mehr. Wir sahen nur noch eine rote dichte Wand aus Sandkörnern.

Unser Fahrer entschied, dass ein Weiterfahren nicht mehr möglich sei – und stoppte sofort den Wagen.

Erschrocken schauten wir uns an. Fragen schossen uns durch den Kopf. Irgendwann getraute sich jemand sie auch auszusprechen: “Wird es gefährlich?”

Draussen wirbelte der Sand auf. Die Luft färbte sich rötlich. Sich ausserhalb des Autos aufzuhalten, war unmöglich. Die kalte Luft, der starke Wind und der durch die Luft wirbelnde Sand machten das unmöglich. Es wurde zunehmend schwieriger, sich auf den eigenen Beinen zu halten. Das Atmen fiel schwer, auch weil einem der Sand ins Gesicht peitschte.

Es gab nur eins: sofort zurück ins Auto. Und drinbleiben.

Das Leben im Dorf kam komplett zum Erliegen. Kein Mensch war mehr auf der Strasse. Das Vieh der Nomaden, Ziegen und Yaks, war in den Gattern in Sicherheit. Eng standen die Tiere beisammen, um sich gegenseitig Wärme und Schutz zu geben. Die Hunde, die vorher noch durch die Gassen stromerten, kauerten sich eng in windgeschützte Ecken. So, dass ihre empfindliche Nasen und die Augen nicht direkt dem Wind und Sand ausgesetzt waren.

Alle mussten ausharren. Mensch und Tier.

Beim Blick durch die Fenster unseres Autos war praktisch nichts mehr zu sehen. Keine zwei Meter weit reichte die Sicht. Wenn man überhaupt von Sicht sprechen kann. Denn das Einzige, was zu sehen war, waren tobende Sandkörner, die eine undurchdringliche Barriere bildeten.

Es war surreal.

Zumindest für uns Nicht-Mongolen.

Totale Stille im Auto. Wir schauten ungläubig den rasenden und ungestüm tanzenden Sandkörnern zu, die die ohnehin schon unwirtliche Wüste Gobi in eine Endzeitlandschaft verwandelten.

Und wir mittendrin.

Ich blieb unruhig. Innerlich. Die Naturgewalt, von der ich nur durch die Hülle eines altersschwachen Autos getrennt war, machte mir Angst.

Ich traute mich, noch eine Frage zu stellen: “Wie lange wird das dauern?”

Sogar im Urlaub, viele tausend Kilometer fernab des Alltags, tickte und dachte ich noch in Zeiteinheiten. Als hätten wir an dem Tag zwingend noch ein bestimmtes Ziel erreichen müssen. Wie blöd.

Ich gebe es zu, die Ruhe und Unaufgeregtheit der beiden Mongolen, die vorne auf dem Fahrer- und Beifahrersitz sassen, färbte ab. Als sei es das Normalste der Gobi-Welt warteten sie ab, dass sich die Welt da draussen wieder beruhigte.

Entsprechend fiel auch die Antwort auf meiner zugegebenermassen dumme Frage aus.

“Das wissen wir nicht. Wir müssen abwarten.”

Aha. Was sollten sie auch antworten? Es gab keine Antwort, die mir das gab, was ich suchte. Nämlich Kontrolle. Ich wünschte mir Kontrolle über eine Situation, die nicht zu kontrollieren war.

Aber was sollte ich tun?

Ich musste begreifen, dass ich nichts tun konnte. Ich musste abwarten.

Irgendwann fügte ich mich in mein Schicksal.

Und erfasste die Besonderheit des Moments, den ich gerade erleben durfte.

Als der Sand ging – kam als erstes ein kleiner Junge

Knapp drei Stunden dauerte das Naturschauspiel. Nur langsam lichtete sich das Treiben draussen vor der Autotür. Es wurde heller, langsam legte sich der Sandsturm. Es blieb aber kalt, der eisige Wind verzog sich nur langsam.

Als wir endlich wieder mehr als fünf Meter schauen konnten, sahen wir als erstes einen kleinen Jungen. Einen kleinen Wagen hinter sich herziehend, mit zwei Wasserkannistern, und ging zum Brunnen.

Als sei es das Normalste der Welt. Das ist es wohl auch. Genauso, wie wenn bei uns ein Gewitter vorbeigezogen ist und das Leben sich wieder normalisiert.

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Unser Fahrer startete den Motor. Wir holten Wasser. Und fuhren weiter.

Am Abend, mit etwas Abstand, reflektierten wir über das Geschehene. Erfassten nun endlich richtig unser doppeltes Glück! Solch ein intensives Naturerlebnis erlebt zu haben. Auch, wie die Menschen in der Gobi diesen harten Bedingungen trotzen und mit diesen umgehen.

Wir schätzten aber auch unser Glück, ungeschoren davon gekommen zu sein. Es war nichts passiert.

Die Natur ist allgegenwärtig. Allgewaltig. Nicht zu unterschätzen. Etwas Besonderes. Eindrucksvolles. Schönes.

Auch mitten in einem Sandsturm.

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